Es folgt der Krimi zur Ausstellung von Günter Gieseler


Hausach, den 29. September 1951 


Die Fifties, Afri-Cola und Rock´n´Roll und mittendrin in diesem Zeitgefühl liegt abgelegen und relativ isoliert vom Nierentisch, das idyllische und verschlafene Nest Hausach, die zukünftige Leselenz Hochburg schlechthin. Mitten in dieser Einöde umgeben von Kuckucksuhren, Speckvesper, Most und dem Brezelbaum, fügen sich die Menschen jener Region mit ihren Charakteren nahtlos in die Landschaft ein. Dickköpfig, etwas weltoffen mit einem ganz besonderen in dieser Gegend beheimateten Gemeinschaftssinn und einer guten Prise Mutterwitz.


 Wie jeden Samstag zum Feierabend, zieht es eine illustre Gesellschaft ins Gasthaus „Grüner Zapfen” an den gut besetzten Stammtisch, welche die Wirtin Klara schon sehnsüchtig erwartet. Klara Berger, geborene Weinstein, ist Kummerkasten und Seelsorgerin zugleich. Zusammen mit ihrem umtriebigen Mann, Sepp Berger, der für das gute Essen zuständig ist und sich als gute Seele des Hauses mit einbringt, bewirtschaften die beiden den „Grünen Zapfen”. 


Um ihren Stammtisch, auf dem heute außer der Reihe ein kleiner Blumenstrauß steht, versammeln sich, wie immer, zur selben Zeit, Hauptkriminalkommissar Hubertus vom Gral, von der „Mordkommission Huse”, welcher sich wie eine Bulldogge an Hühnerdieben und Falschparkern verbeißt. Der niemals nüchterne Stadthilfspolizist Heini, der seine Bierdeckel - Zeche mit Hundeflüsterertätigkeiten abarbeitet. Stadtsheriff Manne Krug, der Seite an Seite mit Heini, auf seiner auf Hochglanz polierten Kreidler Florett penibel seinen Dienst verrichtet. Sein Motto: „Erst schießen – dann fragen“! Dann der etwas undurchsichtige Lebemann „Stadtrat in Spe” und gut gekleidete Zylinderträger Pauli Panzer. Sowie last but not least der unser Bauer Gottfried Obert, unser allseits geliebter und verehrter Gottfried, der, wenn seine Worte nicht fruchten, seine Fäuste fliegen lässt, die wie Dreschflegel punktgenau ins Ziel treffen. 


An diesem Abend sitzen noch zwei andere Gäste an den Tischen. Ein südländisch aussehender Mann mit Zigarre und Lektüre, der immer wieder neugierig zum Stammtisch schielt. Und ein trotz seiner riesigen Statur eher unscheinbarer Gast, Herr Gigi, der öfter mal zum Abendessen anwesend ist. 


Auch dieser Abend geht wie jeder andere mit politisieren und Karten klopfen zur Neige. 

Heute ging es um das städtische und das private Bauland. Im speziellen um ein kleines Stück Land, das Pauli zu seinem Bauvorhaben fehlen würde. Da die Wirtin aber nicht an die Stadt und auch nicht an Pauli Panzer verkaufen wollte, war die Stimmung etwas gereizt. 


Als die letzten Gäste den Gasthof zur Sperrstunde verließen, ging Klara in ihrem feschen Dirndl noch einmal mit ihrem kleinen Hund Fipsi Gassi in Richtung Gewerbekanal. Der Wirt legte sich schon zur Ruhe und bemerkte, als er morgens aufwacht, dass seine Frau, die er liebevoll Klärchen nennt,  noch immer nicht zurück war.


Verzweifelt rennt Sepp im Nachthemd durch die Straßen und trifft den Stadtsheriff, dem er mit Tränen in den Augen anfleht: „Klärchen ist verschwunden, um Gottes willen.... Manne, hilf mir !” Manne versucht Sepp zu beruhigen: „Mach dir keine Sorgen Sepp, wir finden deine Frau, hundertprozentig! Ich stelle sofort einen Suchtrupp auf die Beine. Wir treffen uns in zwei Stunden zur Lagebesprechung vor´m Zapfen. Halte dich bereit.”


Währenddessen findet das gewohnte allmorgendliche Treiben beim ansässigen Hufschmid mit Ambosschlägen in der Lindenstraße seinen gewohnten Gang. Ein paar Häuser weiter dringt aus einem gekipptem Fenster Dampf aus einer Backstube. Mit ihren Leiterwägelchen ziehen Hausfrauen über die Pflastersteine zum Konstantinplatz, am alten Spritzenhaus vorbei, zur Milchzentrale. Haufenweise wird Obst von den Streuobstwiesen zum Mostmaier hingekarrt. 


Ab und an wird die Eintracht von Halbstarken unterbrochen, die mit gegelten Haaren, Elvis-Tolle und einer hübschen Braut in Petticoat auf ihren Mopeds und Rollern durch das Städtle knattern. An diesem Morgen indessen, hüllt sich der Gewerbekanal gespenstisch in Nebelschwaden. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, was an einem Wurzelstock höhe Wassersuppengass im Wasser dümpelt. 


Ungeduldig wartet Sepp am Eingang des Gasthauses, als er erst leises, dann immer lauter werdendes Stimmengewirr auf sich zukommend wahrnimmt. Am Gasthaus verstummt dieses plötzlich und Stadtsheriff Manne richtet seine Stimme an den Suchtrupp: „Unsere liebe Wirtin Klara Berger wird vermisst. Wir müssen das Gelände großräumig absuchen. Verteilt euch und gebt Meldung, wenn ihr etwas Verdächtiges bemerkt. Auf Männer!” 


Sepp und Hubertus gehen gemeinsam zur Inselstraße. In diesem Bereich war Klara meist mit ihrem Hund Fipsi unterwegs. Hubertus vom Gral -mit seinem geschulten Blick fürs Detail- entdeckt, dass ein Gebüsch am Gewerbekanal niedergedrückt war. Der Boden war noch aufgeweicht vom vielen Regen der letzten Tage. Deswegen konnte Hubertus sehr gut zwei verschieden große Schuhabdrücke und einen Schlenzer im Matsch erkennen. Daraus schließt er, dass an dieser Stelle jemand ausgerutscht sein musste. Hubertus entdeckt am Dornengebüsch einen Stofffetzen. Sepp reist dieses Hubertus aus den Händen. „Nein…!” rief Sepp verzweifelt, „das Teil stammt von Klärchens Schürze“. „Aha”, wundert sich Hubertus und nimmt einen tiefen Zug aus der Pfeife. „Kombiniere, zwei verschieden große Fußabdrücke, ein Stofffetzen am Gebüsch, das kann nur.......”. 


Hubertus griff zum Funkgerät. „Manne bitte kommen.... !” Just in diesem Moment macht sich Manne Gedanken, wo eigentlich Heini ist. Seit längerem gab es keine Meldung von seinem Hilfssheriff mehr. „Heini bitte kommen, melde dich, over and out“. Dann plötzlich: „Hha...hallo ChChCh... Chefchen, Heini hier, ich bin gerade im MMM... Mostkeller vom Maier. Mmm.... melde gehorsamst, habe alle Fässer nnn... nach Klärchen, äh, Frau Berger abgesucht... Suche negativ... Weite die Suche in den WWW... Weinkeller aus, ooo... over and out, Heini.“ 


Nachdem also ein paar Unklarheiten beseitigt wurden, setzt Manne nach seinem Gespräch mit Hubertus einen Funkspruch an die Mannschaft ab: „Es besteht der Verdacht, dass die Gesuchte in den Gewerbekanal gefallen ist. Konzentriert euch verstärkt auf diesen Bereich – over and out.” Die Helfer befinden sich gerade in der Gartenstraße bei der Kegelbahn, als sie einen markerschütternden Schrei, aus der Wassersuppegass vernahmen. Bauer Gottfried, der sich gerade dort umsah, entdeckt Klärchen im Gewerbekanal liegen. „Jesses nei, ä Laich, ä Laich.” Ohne zu zögern springt er ins Wasser und zieht Klaras leblosen Körper an Land. In diesem Moment betritt Heini die Szene.„PPP... Platz da fff... für die Sccchhh... Staatsgewalt“. 


Heini sichert den Tatort mit einem Absperrband. Inzwischen sind Sepp und Hubertus auch beim Tatort angekommen. Als Sepp Berger seine Frau erblickt, bricht er ohnmächtig zusammen. Hubertus inspiziert die Leiche und entdeckt die zerrissene Schürze. „Aha, so so”, sagte Hubertus und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Pauli ist die ganze Situation sichtlich unangenehm. Er wirkt eingeschüchtert und hält sich abseits des Trubels. Mittlerweile hat sich die Presse, vom regionalen Revolverblättle, eingefunden. Die Leiche wird nun in einen Zinksarg gelegt und zur Gerichtsmedizin gefahren. Ganz allmählich leert sich der Platz, bis auf Sepp, der den Verlust seiner geliebten Frau noch nicht realisieren kann. Am nächsten Tag prangt in fettgedruckten Lettern auf der ersten Seite die Schlagzeile im Revolverblättle: „Tote Frau in der Wassersuppegass ! Ist sie ermordet worden ?“


Hubertus vom Gral dachte an Klara, die kürzlich noch voller Lebensfreude in ihrer Wirtschaft stand und sich mit den Gästen unterhielt. „Was um Gottes willen war an diesem Abend los? Können sich die Frauen im Städtle noch ohne Angst frei bewegen oder treibt gar ein Massenmörder sein Unwesen?“ Mit seinem fotografischen Gedächtnis ging Hubertus gedanklich den Samstagabend vor seinem geistigen Auge durch. Was war an diesem Abend anders als sonst? Natürlich der Blumenstrauß, an dem ein kleiner Gruß hing. „Von einem dankbaren Gast” stand darauf und der, mit seinem eigenartigen Benehmen auffallend neugierige Fremde, der sich hinter seiner Zeitung versteckte. 


Durch Gebell, das Hubertus sehr bekannt vorkommt, wird dieser aus seinen Gedanken gerissen. Klaras kleiner Hund Fipsi stand plötzlich, völlig verdreckt mit einem Stofffetzen im Maul vor Hubertus. Auf den ersten Blick sieht unser Hauptkriminalkommissar, dass dieses Stück Stoff nicht von Klaras Kleidung stammen kann. Es ist ein edles Stück Leinen, das bestimmt von einem teuren Kleidungsstück ist. „Vielleicht kann das Blut daran analysiert werden”, denkt er sich. Ihm schießt ein Gedanke durch den Kopf: „Warum hatte Pauli heute eigentlich seinen feinen Nadelstreifenanzug nicht an, den er sonst immer trägt ?


Hubertus klopft an die Türe von Pauli. „Pauli auf ein Wort.” Der versucht sein Erschrecken zu verbergen, und wendet sich - kein Wässerchen trübend, Hubertus zu. Hubertus mustert Pauli, um dann fortzufahren. „Wo befindet sich eigentlich dein dunkler Nadelstreifenanzug?“ „Bei der Reinigung, warum ?“ erwidert Pauli. „Dann stört es dich bestimmt nicht, wenn du mir den Anzug morgen Mittag vorbei bringen könntest ?” meint Hubertus. „Natürlich nicht !”, antwortet Pauli genervt, „Morgen, geht klar”. „Ach Pauli, kanntest du vielleicht den Gast mit der Zeitung, der sich in der Nähe des Stammtisches befand?“ “Iiiiich, nein natürlich nicht!” „Natürlich”, wiederholt Hubertus. „Hmmmm”, sinniert Hubertus vom Gral und nimmt einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife. 


Im Anschluss wendet sich unser Kommissar mit einem Telefonat an Manne. „Manne hören Sie, Hubertus am Apparat, behalten Sie bitte Pauli Panzer im Auge. Ich habe da so einen Verdacht, wissen Sie !” 


Hubertus blickt hinauf zur Burgruine. Diese starken Mauern erwecken das Gefühl der Ehrfurcht. Welche Gräueltaten, Leid, Not aber auch Glückseligkeit hat dieses Bauwerk schon gesehen? Apropos Morde. An dieser Stelle möchte ich, liebe Leser und Zuhörerschaft, an die vielen Morde der Schwarzwald-Krimi-Fortsetzungsreihe von Bellaballa erinnern, die in späteren Zeiten Bände füllen werden! 


In diesem Augenblick fällt Hubertus der kleine Blumenstrauß mit einem kleinen Gruß ein, der an jenem Abend auf dem Stammtisch stand. „Natüüürlich ...(!)”, denkt Hubertus, es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Auf dem kleinen Kärtchen stand Gärtnerei Rosenburg! Stracks lief Hubertus zur Gärtnerei, in der Hoffnung den Namen der Person zu erfahren, von der der Gruß stammte. Und tatsächlich.....Roberto Russo war der Name. Ein Kesselflicker aus Sizilien, der seit einigen Tagen in der Gegend nach Kunden und so Ausschau hielt. „Der kaufte die Blumen. Vielleicht war eine kleine Liebesromanze im Spiel oder bin ich auf der falschen Fährte?” 


Währenddessen plagt Pauli das schlechte Gewissen. Ein innerer Instinkt rät ihm zu Flucht. Da bemerkt Pauli den Pferdewagen von Roberto. Gerade als sich dieser zur nächsten Stadt aufmachen will, versteckt Pauli sich zwischen Pfannen und Töpfen. Dieses bleibt allerdings nicht unbemerkt. Hilfssheriff Heini beobachtet das Geschehen und macht Meldung bei seinem Chef. Dieser positioniert sich in der Nähe von Fischerbach, noch bevor die beiden die Grenze überquerten..... „Halt ! Stopp ! Keinen Schritt weiter !!!”, ruft er. Die Pferde und Roberto blicken in den Lauf der Pistole von Manne. Und auch für Pauli ist hier Ende der Fahnenstange. 


Im Revier angekommen werden beide von Hubertus vom Gral verhört. Als an besagtem Abend Roberto Russo und Pauli als Letzte aus der Wirtschaft gingen, sah Roberto wie Pauli Klara folgte. Und, obwohl Pauli ehrbare Absichten hatte, wurde das Verhalten vom liebestollen Roberto falsch eingeschätzt. So gerieten sich die beiden in die Haare, wobei ein Stück Stoff aus Paulis Hose gerissen wurde und er sich verletzte. Dieses Stück Stoff griff sich Fipsi, der gerade auf der Flucht vor dem Streit zwischen Sepp und Klara Berger war.


Stop……Stop…..Stop…..Stop….Stop….Stop….Stop 


Als Hauptkommissar vom Gral den Sepp Berger im Anschluss verhörte, brach dieser in Tränen aus. Endlich beichtet Sepp, der völlig am Boden zerstört war, Hubertus seine Tat. In jener besagten Nacht ging er nicht schlafen, sondern folgte den beiden Männern, sah deren Auseinandersetzung und wolllte Klara zur Rede stellen, eifersüchtig wie er schon immer war.


Als Sepp seiner Frau am Gewerbekanal gegenüber stand, gab es einen handfesten Streit. Als sich Klara aus dem festen Griff ihres Mannes befreien wollte, stolperte sie, streifte das dornige Gebüsch, schlug dann mit dem Kopf auf einen Stein, stürzte in den Kanal und ertrank. Im Dunkeln hatte Sepp Klärchen schnell aus den Augen verloren. „Ich wollte meiner Frau noch helfen, doch meine Mühe war vergebens”, erklärte Sepp mit zitternder Stimme. „Später hatte ich nicht den Mut, die Tat zu gestehen. So kam eins zum anderen”. „Aha,” sagte Hubertus und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, „es war also kein Mord, sondern ein Unfall.” 


Geschehen in Huse anno 1951 


Mit lieben Grüßen ihr Günter Gieseler